double blind

Die Arbeit ist eine kritische Untersuchung des Ursprungs von Wissen im biologisch-medizinischen Bereich. Es wird ein genauer Blick geworfen auf die naturwissen-schaftlichen Prozesse, die sich mit dem chromosomalen Geschlecht beschäftigen.
Am meisten interessiert dabei die Herstellung von wissenschaftlichen Tatsachen und
die Wirkmacht von Normierungen. Mit welcher Methode soll das biologische
Geschlecht erkannt und festgelegt werden? Wie und womit nehmen Forschende wahr? Wie produzieren sie ihre Bilder?

'double blind' besteht aus sw-Fotografien, die von der Laborleiterin eines humangene-tischen Labors fotografiert wurden, nach der Aufforderung, für ihre Arbeit wichtige Dinge abzulichten. Außerdem gibt es color-Fotografien, aufgenommen von der Künst-lerin, die die Erstellung eines Karyogramms im Labor verfolgen. Einen weiteren Teil der Arbeit bildet ein Gespräch zwischen Marion Denis und der leitenden Biologin um Er-
kenntnissuche und Laborerfahrungen.

50 Fotografien, 2010,
Silbergelatineprints, c-prints, Interview
Zur Arbeit ist das Künstlerbuch 'double blind', Revolver Publishing, erschienen.

Fotomuseum Winterthur, cross over, 2013






Fotografien einer Humangenetikerin #1




























































































































Fotografien einer Künstlerin #1



























































































Auszug Interview Marion Denis - Humangenetikerin:


Marion Denis: Wenn ich Chromosomen von außen betrachte, sind es für mich unter-
schiedlich lange Streifen. Insofern unterscheiden sie sich nicht so stark. Es sei denn, da wäre eine runde, eine quadratische oder eine dreieckige Form dabei; dann wären die Unterschiede stärker. Wenn man sie nur als Form betrachtet, ähneln sich die Chromo-
somen aber schon.


Biologin: Der Mensch hat dreierlei Chromosomentypen: die metazentrischen, die submetazentrischen und die akrozentrischen, mit dieser z.T. sehr auffälligen Satellitenstruktur (Bildschirm). Das ist ein sehr deutlicher Unterschied. Ein Chromo-
som ist in gewisser Weise stäbchenförmig oder linear; es hat ein Zentrum, das sog. Zentromer. Wir sehen hier (Bildschirm) – in diesem Stadium - nicht, dass sie in sich gespalten sind; wenn sie sich aber weiter kondensieren, d.h. im Verlauf des Zellzyklus, verkürzen, dann würden sie diese x-Form bekommen. Die Strukturproteine, die diese beiden homologen, identischen Schwesterchromatiden zusammenhalten, ihre Funktion aufgeben. Das weitere Fortschreiten in der Mitose wäre, dass sich die beiden Schwester-
chromatiden vollständig trennen und auf die zwei neuen Tochterzellen verteilt werden. Das hier, die Metaphase, ist sozusagen eine Momentaufnahme. Du hast recht, es gibt keine runden Chromosomen. Aber, es gibt - submikroskopisch - runde Strukturen, es gibt lineare Strukturen. Aber, es gibt keine eckigen Strukturen; es gibt in der Natur relativ wenig quadratische Strukturen; wahrscheinlich weil das verhältnismäßig instabil oder vom Energieaufwand nicht geeignet wäre. Es verbraucht zuviel Energie in der Herstellung und bringt im gleichen Rahmen nicht ausreichend Stabilität. Deswegen hat man dreieckige Strukturen oder Wabenstrukturen, weil das stabiler ist. Aber im Prinzip ist es eine Annäherung an rund; und wenn ganz viele runde Strukturen dicht zusammen-
kommen, dann kommt man der Wabenstruktur immer näher. Ich weiß, was du meinst, wenn Dir zunächst alles sehr gleichförmig erscheint. Mit der Zeit erlangt man in der zytogenetischen Arbeit eine andere Sichtweise. Ich sehe da unheimliche Unterschiede, aber das Sehen muss sich erstmal entwickeln - über Jahre.


M.D.: Wie hast du dieses Erkennen gelernt, dieses Ablesen?


B.: Bei mir selber kann ich mich kaum dran erinnern; es war ein allmählicher Prozess. Ich hab 1986 angefangen, Chromosomen zu betrachten. Während der Schulzeit haben wir ein humangenetisches Institut besucht, und ich hatte Bio-Leistungskurs. Also ist da schon für mich der Fokus auf Naturwissenschaften gelegt worden. Es war nicht beson-
ders berauschend oder eindrücklich dort im Institut, aber für mich war klar: ich möchte in die Humangenetik. Alle anderen Disziplinen erschienen mir dagegen eher deskriptiv. Und das ist wirklich die Struktur - die Chromosomen mit der DNA darin -, wo es geschrieben steht. Meistens wird Symptom-Doktorei betrieben, aber man muss an die Ursachen heran. Und für mich ist das sozusagen ursächlich gewesen - damals, Anfang der 80er Jahre. Im Anschluss hab ich mein ganzes Studium so ausgerichtet, um in die Hu-
mangenetik kommen zu können, um mit diesem Fachgebiet Kontakt zu haben; und der erfolgte schließlich durch ein Praktikum, wo ich mir homogen gefärbte (somit einheit-
lich angefärbte und nicht wie auf dem Bildschirm derartig gemusterte, d.h. gebänderte) Chromosomen angeguckt habe. Ich habe ganz hart lernen müssen, Chromosomen überhaupt erst zu erkennen, lange im Dunkeln auf ein Präparat zu gucken, eine Mitose zu finden und als geeignet (für die Analyse) zu erfassen. Die mikroskopischen Präparate hatten natürlich eine andere Qualität als heute. Im Zuge der Weiterentwicklung von Kulturmedien ist alles qualitativ besser und hochwertiger geworden. Das erste war ein Präparat, das irgendwo in der Routine abgefallen ist, also ein Forschungsprojekt, für das zunächst keine Zeit und Arbeitskraft zu Verfügung stand und das bislang niemand ausgewertet hatte. Es kommt irgerndwann ein Student, der ein Blockpraktikum absol-
vieren will, und dem man schließlich etwas überantworten kann, für das bislang keine Kapazität frei war. Und so habe ich ca. sechs Wochen lang in der Dunkelheit gesessen und mir angeeignet, wie Mitosen im Gegensatz zu Zellkernen aussehen, wie vollständige Mitosen aussehen; ich musste anfangen zu lernen, sie (im Mikroskop) zu zählen. Als nächstes sollte ich an einem homogen gefärbten Präparat das X-Chromosom erkennen. Die C-Gruppe des menschlichen Chromosomensatzes erscheint anfangs sehr einheit-
lich. Ich habe dann bei jeder Mitose, die ich angeguckt habe, überlegt, welches könnte eines (ein X-Chromosom) sein. Jedes Mal habe ich dann die Professorin und Leiterin geholt - meine Beliebtheit, so schien es mir, sank von Mal zu Mal - und sie musste sich alles im Mikroskop mit angucken. Ich habe Vorschläge gemacht, welches ein X-Chromo-
som sein könnte, und dann hat sie mir gesagt, wie es tatsächlich ist. Es war durchaus eine harte Schule, an homogen gefärbten Mitosen ein C-Banden-Chromosom herauszufinden. Es sind anfangs „14 Dinger“ – im Fall eines weiblichen Chromosomensatzes -, die gleich auszusehen scheinen. Und es war mühsam zu lernen, sie zu differenzieren. Aber, ich glaube, es war eigentlich der beste Einstieg. Ich kann mir keine Vokabeln merken, ich bin schlecht in Sprachen, aber ich glaube, was visuelle Dinge angeht, habe ich Glück und bin ich ganz gut. Und dieses Phänomen sehen wir auch bei Studenten; es gibt solche, die schauen auf ein Präparat und finden, Chromosom 22 und 1 seien nicht zu unterscheiden, und es gibt andere die sehr, sehr schnell sind und bei ihrem ersten Karyogramm sogar die homologen Chromosomenpartner zu Paaren legen können. Und so hatte ich Glück, dass ich nicht nur von dem Fach Humangenetik begeistert war, sondern dass ich auch ein gewisses Talent habe, Strukturen erkennen zu können. Ein bisschen ist Chromosomen-diagnostik wie Memory spielen. Ich schaue (im Mikroskop und auf dem Bildschirm) nicht auf ein bereits sortiertes Karyogramm, ich schaue auf die ungeordnete Mitose, und merke mir dabei: „Dort ist das eine der beiden Chromosomen 6!“ Dann schaue ich die ganze Mitose durch, wo das andere Chromosom 6 ist: Gut ist, dann noch zu wissen, wo das erste Chromosom 6 in dem Wirrwarr lag, um beide Chromosomen (6) dann hinsicht-
lich ihrer Struktur miteinander zu vergleichen. Aufgrund der Art der Präparation, der Herstellung der mikroskopischen Objektträger, kann das eine z.B. gebogen sein oder auf dem Kopf liegen. Beim Memory sagt man ja immer, gegen Kinder hätten Erwachsene keine Chance. Aber, ich schaffe es auch noch gegen 4- und 5jährige! Weil es meine tägliche Arbeit ist, Chromosomenpaare zu suchen und möglichst auch zu finden.